Was versteht man unter Biodiversität und warum ist sie für Unternehmen wichtig?
Der Begriff Biodiversität beschreibt die Vielfalt des Lebens auf der Erde, einschließlich der Vielfalt an Arten (Pflanzen, Tiere, Mikroorganismen), genetischen Ressourcen innerhalb von Arten sowie der Vielfalt von Ökosystemen und deren Wechselwirkungen. Die Biodiversität bietet sogenannte Ökosystemleistungen, die die Grundlage für menschliches Leben bilden und wirtschaftliche Aktivitäten ermöglichen. Dazu zählen:
Rohstoffe: z.B. Holz, Nahrungsmittel oder pharmazeutische Wirkstoffe
Regulierungsleistungen: Natürliche Filterung und Reinigung von Wasser durch Boden- und Pflanzenzyklen
Klimaregulation: Ökosysteme wie Wälder und Meere absorbieren CO2 und prägen damit maßgeblich Temperaturentwicklungen
Der Global Risk Report 2020 des World Economic Forums benennt den Verlust der Biodiversität und den damit verbundenen Kollaps von Ökosystemen als eines der größten Risiken für die Menschheit in den nächsten 10 Jahren. Über 50% des globalen Bruttoinlandsprodukts sind moderat bis stark von der Natur abhängig, was Unternehmen vor operative, regulatorische sowie existenzielle Herausforderungen stellt. 1 Dazu gehören u.a. die Fluktuation bei der Verfügbarkeit und den Preisen von Rohstoffen, Störungen in Lieferketten durch Naturkatastrophen, die durch den Verlust von Ökosystemdiensten verstärkt werden. Ebenso ergeben sich Reputations- und regulatorische Risiken durch strengere Umweltgesetze und steigende Anforderungen seitens Stakeholdern wie Kund*innen und Investor*innen.
Warum ist es für Unternehmen sinnvoll, Maßnahmen zum Schutze der Biodiversität zu ergreifen?
Aus der kontinuierlichen Zerstörung von Biodiversität ergeben sich für Unternehmen zahlreiche Risiken. Diese können regulatorischer, finanzieller und physischer Natur sein.
Der Zerfall von immer mehr Ökosystem erhöht die physischen Risiken für Unternehmen im eigenen Geschäftsbereich und in der Lieferkette. So kann sich der Zerfall von Ökosystemen negativ auf verschiedene Ökosystemdienstleistungen, z.B. die Bereitstellung von nachwachsenden Rohstoffen oder die Schutzfunktion gegenüber sich durch den Klimawandel verstärkenden Extremwetterereignissen, auswirken. Dies bedeutet für Unternehmen konkrete Risiken wie etwa Engpässe in der Lieferkette oder größere physische Risiken für Produktionsstandorte, wie beispielsweise die Verknappung von Wasserressourcen, die erhebliche Auswirkungen auf Transformations- und Herstellungsprozesse haben kann, da diese oft einen hohen Wasserverbrauch erfordern.
Solche physischen Risiken bringen finanzielle Risiken mit sich und betreffen alle Wirtschaftsbereiche, da die Verknappung von Rohstoffen weitreichende Folgen hat – von der Versorgungskette bis hin zu extremen Fällen wie Wassermangel, der Fabriken zur Schließung zwingt. Die Beispiele für die weitreichenden Auswirkungen solcher Entwicklungen sind zahlreich: So können am Panamakanal aufgrund von Wasserknappheit weniger Schiffe passieren, was globale Lieferketten weiter unter Druck setzt2. Ebenso könnte der Rückgang der Bestäubung durch Insekten signifikante wirtschaftliche Schäden verursachen, insbesondere in der Landwirtschaft und der Pharmaindustrie3.
Schließlich ergeben sich aus EU-Regulatorien wie der CSRD, EUDR und nationalen Gesetzen wie dem Umweltschadens- und Bundesnaturschutzgesetz Reporting- und Vermeidungsverpflichtungen sowie Haftungsgrundlagen für Unternehmen. Solche regulatorischen Risiken haben in den letzten Jahren zugenommen – ein Trend, der sich in den kommenden Jahren fortsetzen wird.
Dennoch ergeben sich aus den genannten Herausforderungen auch Chancen für Unternehmen, die sich auf die Transformation hin zu einem klima- und naturfreundlichen Wirtschaftsmodell einlassen. Verstärkte Investitionen in CO2-arme und biodiversitätsfreundlichere Technologien und ressourcenschonende Produktionsweisen stellen einen Wettbewerbsvorteil dar. Der Schutz der Biodiversität ist daher nicht nur eine ethische Verantwortung, sondern bietet greifbare wirtschaftliche Vorteile. Unternehmen, die Biodiversitätsmaßnahmen priorisieren, stärken ihre Resilienz, sichern Rohstoffe und bauen eine positive Reputation auf, während sie regulatorische, finanzielle und ökologische Risiken minimieren.
Was sind wichtige Biodiversitätsregularien und Reportstandards in Europa/Deutschland?
Im Folgenden werden relevante Biodiversitätsregularien und Reportstandards gelistet. Diese Liste ist nicht als abschließend zu betrachten.
EU-Biodiversitätsstrategie 2030: Diese Strategie ist ein Kernbestandteil des Europäischen Green Deals und zielt darauf ab, die Biodiversität bis 2030 auf einen Erholungspfad zu bringen. Sie fordert u.a. Maßnahmen zum Schutz von 30 % der Land- und Meeresfläche der EU und die Wiederherstellung geschädigter Ökosysteme. Unternehmen werden aufgefordert, Maßnahmen zur Verbesserung der Nachhaltigkeit ihrer Aktivitäten zu ergreifen.
Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD): Diese Richtlinie erweitert die Nachhaltigkeitsberichterstattungspflichten für große Unternehmen und führt die European Sustainability Reporting Standards (ESRS) ein. Biodiversität wird speziell im Standard ESRS-E4 behandelt, der Berichterstattung zu Unternehmensstrategien, Zielen und Auswirkungen auf Ökosysteme verlangt.
EU-Verordnung zu entwaldungsfreien Lieferketten (EUDR): Diese neue Regulierung verbietet den Import und Export bestimmter Güter4, die auf kürzlich entwaldeten Flächen produziert wurden. Sie betrifft Unternehmen, die in den Handel mit den im Text der EUDR genannten Rohstoffen involviert sind, und verlangt die Offenlegung der Herkunft solcher Produkte – sowohl beim Import als auch beim Export.
Natura 2000 & EU-Habitatsrichtlinie: Diese Instrumente setzen EU-weite Standards für den Schutz von Arten und Lebensräumen und erfordern Berichterstattung zu deren Zustand und Trends. Unternehmen, die in geschützten Gebieten tätig sind, müssen besondere Rücksicht auf Biodiversitätsziele nehmen
Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG): Dieses deutsche Gesetz verpflichtet Unternehmen zu einer detaillierten Due-Diligence-Prüfung entlang ihrer Lieferkette, um Umwelt- und Menschenrechtsverstöße zu identifizieren und zu verhindern. Die Berichterstattung umfasst dabei auch die Auswirkungen auf die Biodiversität.
Was ist das SBTN?
Das Science Based Targets Network (SBTN) als zivilgesellschaftliche und wissenschaftsgeleitete Initiative ist Teil der Global Commons Alliance und basiert auf wissenschaftlichen Arbeiten, insbesondere auf dem Bericht der IPBES5. Das SBTN unterstützt Unternehmen dabei, wissenschaftlich fundierte Ziele festzulegen, um die natürlichen Ressourcen unseres Planeten zu schützen und innerhalb der planetaren Grenzen sowie entsprechend eines sozial gerechten Ansatzes zu handeln.
Um sich Science Based Targets zu setzen, werden zunächst die unternehmensspezifischen Auswirkungen auf natürliche Ressourcen wie Wasser, Land, Biodiversität und Meere gemessen, um daraus auf adäquate Maßnahmen zu schließen. Der Rahmen orientiert sich am Pariser Klimaabkommen, der EU-Biodiversitätsstrategie 2030 und den Zielen für nachhaltige Entwicklung.
Das SBTN erweitert die bestehenden wissenschaftsbasierten Klimazielen der Science Based Targets Initiative (SBTi), die sich auf die Reduzierung von Treibhausgasemissionen konzentriert, und ergänzt diese. Seit 2015 haben sich mehr als 5.000 Unternehmen im Rahmen von SBTi Klimaziele gesetzt und tragen dazu bei, die globale Emissionslücke zu schließen.
Weitere Informationen zur SBTN finden Sie hier.
Warum ist der Standort im Zusammenhang mit Biodiversität so wichtig?
Der Zustand der Natur wird anhand wissenschaftlicher Indikatoren bewertet. Diese umfassen u.a Zustand des Ökosystems, Wasserqualität und Anteil naturnaher Flächen. So lässt sich einschätzen, wie empfindlich oder wertvoll ein Gebiet ist – und damit auch, wie stark der Einfluss der Aktivitäten eines Unternehmens auf diesem Ort sein kann.
Die SBTN empfiehlt für jeden Druckindikator/Treiber (d.h. der Wasserverbrauch eines Unternehmens, die Flächennutzung) bestimmte Naturzustandsindikatoren (siehe hier). Diese Naturzustände basieren auf wissenschaftlichen Veröffentlichungen, die ihre Relevanz für bestimmte Umweltbelastungen belegen. Ein Druckindikator (wie z.B. Wasserverschmutzung) kann mit mehreren Naturzuständen in Verbindung gebracht werden (wie. z.B. Übergang von Nährstoffen in Süßwasser oder Meere) und umgekehrt kann ein Naturzustand mit mehreren Druckindikatoren verbunden sein (z.B. verschiedene Indikatoren für Wasserverschmutzung).
Wie kommt man von Aktivitätsdaten zu Wirkungsdaten (Impact)?
Der Übergang von Daten, die von ihren Unternehmen gesammelt werden, zu Wirkungsdaten erfordert zwei Schritte:
A. Vorbereitungsphase
In dieser Phase geht es darum, die relevanten Aktivitäten des Unternehmens zu identifizieren, die potenzielle Auswirkungen auf die Natur haben könnten. Ähnlich der Scopes im GHG-Protokoll werden Aktivitäten entlang der gesamten Wertschöpfungskette berücksichtigt:
Vorgelagerte Aktivitäten: z. B. Rohstoffproduktion und Zulieferer
Eigene betriebliche Aktivitäten: z. B. Produktionsstandorte oder Büros
Nutzungsphase: z. B. wie Produkte von Kund*innen verwendet werden und welche Auswirkungen dies auf die Natur hat (z. B. Wasserverbrauch)
Nachgelagerte Aktivitäten: z. B. Entsorgung oder Behandlung der Produkte am Ende ihres Lebenszyklus
Auch Unternehmen, die nicht direkt mit Rohstoffen arbeiten oder deren Geschäftsmodell auf immateriellen Gütern basiert, haben Auswirkungen auf die Natur — wenn auch oft indirekt. Diese ergeben sich zum Beispiel aus logistischen Prozessen, etwa durch den Flächenverbrauch von Lagerhallen oder das potenzielle Einschleppen invasiver Arten im globalen Transport. Ebenso entstehen Umweltauswirkungen durch den Betrieb von Servern zur Datenspeicherung, insbesondere durch Landnutzung und Wasserverbrauch. Erwähnenswert ist zudem, dass der Einsatz künstlicher Intelligenz einen erheblichen ökologischen Fußabdruck hinterlässt (z.B. hoher Wasserverbrauch für Kühlung, großer Energieverbrauch in Rechenzentren).
B. Impact-Bewertung (Auswirkungen)
Hier wird gemessen, wo und in welchem Ausmaß das Unternehmen über seine Wertschöpfung hinweg Druck auf die Natur und auf lokaler Ebene ausübt – zum Beispiel, durch Landnutzung, Wasserentnahme, Emissionen in Boden und Wasser, oder das Risiko der Ausbreitung invasiver Arten and einem bestimmten Ort. Die Ergebnisse der Impact-Bewertung zeigen, welche Länder, Rohstoffe oder Aktivitäten Hotspots für die Natur darstellen.
Die Biodiversitätshotspots in meiner Wertschöpfungskette sind bekannt - Was nun?
Sobald Biodiversitäts-Hotspots und ihre Risiken und Chancen für das Unternehmen entlang der Wertschöpfungskette identifiziert wurden empfehlen wir die Definition klarer, wissenschaftsbasierter Ziele um Ihre Auswirkungen und Abhängigkeiten von der Natur zu verringern. Dabei bestimmt man den Fokus jedes Zieles, sei es ein bestimmtes Land oder eine Region, ein Rohstoff oder eine konkrete Unternehmensaktivität. Sie sollten im Klaren sein, ob Sie darauf abzielen den Druck auf die Natur zu reduzieren, Risiken zu reduzieren oder ein bestimmtes ökologisches Ergebnis (wie z.B. Verbesserung der Wasserqualität) zu erreichen.
Die Zielsetzung sollte auf anerkannte Methoden und Rahmenwerken aufgebaut werden und durch ein solides Messsystem unterstützt werden. Hier sind Indikatoren, Zeitrahmen und Fortschrittskontrollen zu definieren. Damit diese wirksam sind, müssen sie in die Unternehmensstrategie und Entscheidungsprozesse eingebettet werden, und mit klaren Zuständigkeiten und Mechanismen, die die Umsetzung vorantreiben, unterstützt werden.
Die Zielsetzung sollte unbedingt interne und externe Interessengruppen einbeziehen – insbesondere auf lokaler Ebene, wie zum Beispiel bei gemeinsam genutzten Wassereinzugsgebieten, wo die Zusammenarbeit mit anderen Nutzern entscheidend ist.
Die Art der Ziele und Maßnahmen können auf Unternehmensebene für allgemeine Hotspots bis hin zu spezifischen Standorten mit lokalen Aktionsplänen definiert werden. Das AR3T-Rahmenwerk (Avoid, Reduce, Restore & Regenerate, Transform) dient als Leitfaden für die Art und Priorisierung der Ziele und Maßnahmen.
Wo kann man mit der Biodiversitätsanalyse schnell anfangen?
Wenn Ihr Unternehmen nur begrenzte Zeit, Budget oder internes Fachwissen zur Verfügung hat, ist ein praktischer erster Schritt die Nutzung des Materiality Screening Tools, das von der SBTN entwickelt wurde. Dieses kostenlose und frei zugängliche Tool hilft Unternehmen dabei, sich einen ersten Überblick über mögliche Biodiversitäts-Hotspots entlang der Wertschöpfungskette zu verschaffen.
Basierend auf Industrien und Hauptaktivitäten erstellt das Tool eine grobe Einschätzung der wichtigsten Umweltbelastungen. Der große Vorteil: Es ist einfach, qualitativ und kann eigenständig genutzt werden – ohne wissenschaftliche Daten. Es zeigt erste Hinweise darauf, wo die größten Auswirkungen liegen könnten und welche Umweltindikatoren besonders für Ihr Unternehmen und Ihre Wertschöpfungskette relevant sind. Damit ist es ein effizienter und sinnvoller Einstieg, um erste Prioritäten zu setzen und die nächsten Schritte für eine Biodiversitätsbewertung vorzubereiten.
Was ist der Unterschied zwischen einer Lebenszyklusanalyse (LCA) und einem Biodiversitäts-Fußabdruck?
Die Lebenszyklusanalyse (LCA) bewertet die Umweltauswirkungen eines Produkts auf standardisierte und umfassende Weise, während sich der Biodiversitäts-Fußabdruck auf Unternehmensebene sowie auf die gesamte Wertschöpfungskette bezieht. Der Biodiversitäts-Fußabdruck berücksichtigt neben den Einflüssen verschiedener Aktivitäten auf die Natur auch den Zustand der Lebensräume und Ökosysteme vor Ort.