Nachlese: Katar - Sport als Beschleuniger der Menschenrechte?

06.07.2016

Am 28. Juni 2016 luden das Deutsche Global Compact Netzwerk (DGCN) und das Governance Center Middle East North Africa, Center on Governance through Human Rights zur Abendveranstaltung "Katar - Sport als Beschleuniger der Menschenrechte?" ein.

Im Vorfeld der Fußball-Weltmeisterschaft in Katar im Jahr 2022 gerät die angespannte Menschenrechtslage im Emirat auf der arabischen Halbinsel zunehmend in den Fokus internationaler Aufmerksamkeit. Der sprunghafte Anstieg von Bauaktivitäten und Planungen im Vorfeld der Sportgroßveranstaltung zieht immer mehr Arbeitsmigranten nach Katar. Diese Dynamik wirft die Frage auf, inwiefern die Fußballweltmeisterschaft in Katar zur Verbesserung der Situation und somit als Beschleuniger der Menschenrechte wirken kann. Zwar tragen Staaten nach internationalem Recht die primäre Verantwortung dafür, Menschenrechte zu schützen. Nach den UN Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte sind aber auch Unternehmen in der Verantwortung, Menschenrechte zu achten.

Den Einstieg in das Thema bot eine aktuelle Umfrage des Business & Human Rights Resource Centre, vorgestellt von Isabel Ebert. In Katar tätige internationale Bauunternehmen wurden zu ihren Maßnahmen zum Schutz der Arbeitsrechte von Arbeitsmigranten vor Ort befragt. Die Umfrage erzielte eine Antwortrate von nur 24% (niedrigste Antwortrate aller Erhebungen des Resource Centres). Zusätzlich zu der geringen Rücklaufrate zeigen erste Erkenntnisse aus den Unternehmensantworten einen Mangel an Transparenz und Verantwortlichkeit, insbesondere aufgrund eines unübersichtlichen Systems von Unterverträgen. Gleichzeitig jedoch demonstrierten Unternehmen, die auf die Umfrage reagiert haben, häufig Engagement für mehr Transparenz und Verantwortlichkeit bezüglich der Lebens- und Arbeitsbedingungen der Arbeitsmigranten. Einige internationale Unternehmen geben an, wichtige Schritte anzustreben, um die Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen der Arbeitsmigranten vor Ort zu verbessern. Dennoch mangelt es aktuell an einer systematischen Zusammenarbeit innerhalb der Baubranche. Dies führt zu einem „Lotterieprinzip“ für Arbeitnehmer – manche haben mehr Glück, manche weniger.

Herr Prof. Steinbach (HUMBOLDT-VIADRINA Governance Platform) zeichnete das Bild eines Landes, dass in den vergangenen Jahren eine rasante wirtschaftliche und auch soziale Entwicklung genommen hat. Außergewöhnlich ist dabei sicherlich vor allem das Verhältnis von knapp zwei Millionen Arbeitsmigranten in Katar, die dort auf nur etwa 250.000 gebürtige Kataris treffen.

Nach den einleitenden Vorträgen folgte eine einstündige Podiumsdiskussion mit anschließender Fragerunde. Regina Spöttl (Amnesty International), Kristina Milz (Journalistin), Jürgen Hogrefe (Deutsch-Qatarische Gesellschaft) und Christian Hoßbach (Deutscher Gewerkschaftsbund) diskutierten unter der Leitung von Dr. Anja Mihr (HUMBOLDT-VIADRINA Governance Platform) über die menschenrechtliche Lage von Wanderarbeitern in Katar, sowie über das Potential von Großveranstaltungen, die Situation der Betroffenen zu verbessern.

So wies Herr Hogrefe einsteigend darauf hin, dass übertriebene Darstellungen in den Medien der tatsächlichen Situation nicht gerecht würden, da es in Katar sehr wohl fortgeschrittenen Arbeitsschutz- und Arbeitnehmerrechte gebe. Die negativen Auswirkungen auf die Menschenrechte wären zum Teil auf Vermittlungsagenturen der Herkunftsländer zurückzuführen, die den Arbeitssuchenden falsche Versprechungen machen.

Frau Spöttl und Herr Hoßbach waren sich in ihrer Reaktion einig, dass die Arbeitsbedingungen in Katar im großen Stil nicht internationalen Standards und Abkommen entspreche und es zahlreiche Beispiele von Arbeitsunfällen und Todesfällen gebe. Herr Hoßbach führte weiter aus, dass hierbei auch die FIFA als Veranstaltungs-Vergeber in der Pflicht gewesen wäre, stärkere Auflagen an Katar zu stellen, die dortigen Bedingungen zu verbessern. Frau Milz bat in diesem Zusammenhang um die nötige Differenzierung; es könne nicht pauschal die Situation aller Gastarbeiter verallgemeinert werden. Dabei handele es sich aus ihrer Sicht oftmals um Einzelfälle, die vor allem unter nachlässigem Verhalten von Sub-Unternehmen zu verbuchen seien. Auch sei der Fokus auf Wanderarbeiter auf Baustellen zu eng. Unter den Arbeitsmigranten in Katar seien schließlich auch zahlreiche Hausangestellte, Hotelmitarbeiter und weitere Dienstleister.

Zusammenfassend wurde der Konsens gefunden, dass es nötig sei, die Missstände weiterhin zu beobachten und aufzuzeigen. Das Bewusstsein über die Lage in Katar muss aufrecht erhalten werden. Zwar würde es nur geringe Fortschritte seitens der rechtlichen Rahmenbedingungen in Katar geben, jedoch geschehe mit ausreichend Druck immerhin etwas. Auch herrschte Einigkeit darüber, dass neben der katarischen Regierung auch die Unternehmen in der Pflicht sind, aktiv Prozesse menschenrechtlicher Sorgfalt und ihre Auswirkungen auf die Menschenrechte zu managen. Dies gilt ebenso für die Entsendestaaten. Neben den menschenrechtlichen Fragen im Baugewerbe sind auch im Hotel- und Gastronomiegewerbe menschenrechtliche Herausforderungen zu meistern. Bis zu Beginn der Weltmeisterschaft bleiben sechs Jahre, in denen Lösungsansätze für die strukturellen Probleme vor Ort gefunden und kooperativ umgesetzt werden müssen.

 
Isabel Ebert - Vortrag im Rahmen der Abendveranstaltung "Katar - Großveranstaltungen als Beschleuniger der Menschenrechte"? des DGCN

Isabel Ebert (BHRRC)

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